Symposion: Stadt der Zukunft

„Wissen Sie, das ist doch hier die Denkmalpflegerkirche“, so ein Gesprächspartner beim gepflegten Glas Wein und Matjestartar am Rande einer Tagung. Augenzwinkernd meinte er damit die eingeschworene Gemeinschaft, die sich in Hamburg an diesem Wochenende zum Symposion „Denkmalpflege für die Stadt der Zukunft“ , veranstaltet von der „Patriotischen Gesellschaft von 1765“, zusammengefunden hatte. Architekten, Kunsthistoriker, Vertreter von Institutionen und Initiativen loteten in Vorträgen, Workshops und Diskussionen aus, wie das baukulturelle Erbe – in Hamburg, aber auch darüber hinaus – in die nächsten Jahrzehnte gebracht werden könne. Denn die jüngsten Erfahrungen gaben nicht unbedingt Anlass zur Hoffnung, wurde doch bundesweit über Streitfälle aus der „Freien und Abrissstadt“ Hamburg berichtet – allen voran der Politkrimi um das Hochhausensemble Cityhof. Nun regt sich Widerstand, der grundsätzlich um die Eigenständigkeit der Denkmalpflege fürchtet. Wie könne sie deutlich ihre Stimme erheben, wenn nur noch Politik und Wirtschaft (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) den Ton angeben …

Der fremde Blick

Der erste Tag des Symposions bot  grundlegende Fachreferate – Andreas Kellner, Leiter des Denkmalschutzamts Hamburg, und Prof. Dr. Adrian von Buttlar, TU Berlin – zum Thema. In Impulsvorträgen wurden die Schwerpunkte der Workshops bzw. Exkursionen des folgenden Vormittags vorgestellt: der Hamburger Kunsthistoriker Dr. Jörg Schilling und der Hamburger Denkmalpfleger Christoph Schwarzkopf über das „unbequeme Denkmal“ am Beispiel von Bismarck-Denkmal und Flakbunker auf dem Heiligengeistfeld; der Stuttgarter Architekt Dr. Jan Lubitz über das „störende Denkmal“ am Beispiel von Cityhof, Unilever/Emporio, Neue Burg und Allianz-Hochhaus; Michael Ziel von der Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG über das „soziale Denkmal“ am Beispiel von Gängeviertel, Esso-Häusern und Reichardtblock sowie Prof. Dr. Sigrid Brandt von ICOMOS über das „fremde Denkmal“ am Beispiel der Hamburger Moscheen.

Alle Workshops des zweiten Veranstaltungstags suchten den „anderen“ Blick auf schützenswerte Bauten, was bei der Exkursion zum „fremden Denkmal“ besonders greifbar wurde. Die islamische Gemeinde erläuterte gastfreundlich ihre Pläne für die ehemalige Kapernaumkirche (Otto Kindt , 1961). Der mit Klinker und Glasbetonwabensteinen ausgefachte Betonskelettbau auf fast ovalem Grundriss mit dem markanten Faltdach und dem schlanken freistehenden Glockenturm hatte schon in den 1960er Jahren ein wenig an eine Moschee erinnert. Als die evangelische Gemeinde ihre Kirche 2004 aufgab und an einen Investor veräußerte, sollte der Raum eigentlich in einen Kindergarten umgewandelt werden. Doch dieses Projekt scheiterte und der Bau wurde übers Internet zum Verkauf angeboten, wo die muslimische Gemeinde drängend nach einem würdigen Raum für ihre wachsende Gemeinde suchte. Nun wird aus der denkmalgeschützten Kapernaumkirche wieder ein Gotteshaus, in diesem Fall die Al-Nour-Moschee – mit einem neuen Vorbau, einer quergerichteten Empore, weiß gefassten und im Trockenbau gedämmten Innenwänden.

Unverhoffte Funde

Eine andere Workshopgruppe, die sich dem „störenden Denkmal“ verschrieben hatte, stieß bei ihrem ungewöhnlichen Stadtrundgang auf einen Schatz: eine Kapelle inmitten abrissgeweihter Hochhäuser. Neben das Allianz-Haus (B. Hermkes, 1971) im glas- und metallglänzenden internationalen Stil hatte das Architektenpaar Ingeborg und Friedrich Spengelin 1970 als herbe Waschbetonschönheit das Verwaltungsgebäude der damals noch selbständigen Hamburger Landeskirche gesetzt. Im Erdgeschoss birgt der aufgegebene, danach vorübergehend als Flüchtlingsunterkunft genutzte Bau eine Kapelle. Die Wände in kargem Naturstein, die Decke in gestocktem Beton, zeigt der Andachtsraum bis heute nicht nur vorerst zurückgebliebene Stücke wie Altar, Taufe, Wandkreuz, Ambo und Türknauf. Da sind auch viele durchdachte Details wie die grobe Kordel des Hand-Glockenzugs oder der sich – ähnlich zur Versöhnungskirche (1967, H. Striffler) in der KZ-Gedenkstätte Dachau – aus der Erde hinauf zum Mahnmal St. Nikolai grabende zweite Zugang.

Nicht nur dem ehemaligen Haus der Kirche, gleich dem ganzen hochhausbestandenen Eckgrundstück geht es bald an den Kragen. Der Kirchenkreis plant ein neues Verwaltungsgebäude, anstelle des Allianz-Hauses soll ein Büro-Ensemble nach Plänen des britischen Büros Caruso St. John entstehen. Denn nicht weniger als ein „neues Quartier“ ist geplant, das sich zwischen Rathaus und Alt-Nikolai vorgeblich an der historischen Parzellierung orientiert. Auf Kosten einer ganzen Schicht nachkriegsmodernen Erbes mit künstlerisch wie städtebaulich bemerkenswerten Einzelbauten. Wie wäre es, nur ein Gedanke, inmitten der sich auftürmenden Neubauten eine Zeitkapsel zu bewahren? Die Kapelle, die – in ein neues Gebäude eingebunden – auch räumlich die Brücke schlägt zur Gedenkstätte, die an die Kriegszerstörungen erinnert? Welche anderen, vielleicht zunächst unorthodoxen Wege – wie eine Moschee in einer ehemaligen Kirche – können künftig gegangen werden, um einen Teil der (modernen) Baukultur zu bewahren?

„Phase Null“

Zuletzt wurde, den Abschlussvortrag von Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur aufgreifend, fast synodal um eine Quintessenz gerungen. Große Einigkeit herrschte darüber, dass „die Belange und Interessen der Denkmalpflege […] in die Öffentlichkeit besser vermittelt“ werden müssen. Hierfür bräuchten die Denkmalämter eine ideell wie personell „eigenständigere Position“. Bei baulichen Vorhaben gelte es, alle Betroffenen „rechtzeitig und umfassend“ zu informieren. Im besten Fall sei die „Phase Null“, die ein Projekt vorbereitet und kommunikativ begleitet, gesetzlich festzuschreiben. Eine solche „definierte Beteiligungskultur“ bedeute für Hamburg, neben der Stärkung des dortigen Denkmalrats, ganz konkret: „Gebt den Cityhof, den Stintfang, die Schilleroper, den Reichardtblock und die Josephterrassen als stadtgeschichtlich bedeutsame Monumente Hamburgs nicht preis! Die Aufstockung des Flakbunkers auf dem Heiliggeistfeld ist zu verhindern!“ Es liegt ein Hauch von Denkmalpflege-Reformation in der Luft …

 

Bild: Hamburg, Cityhof (Foto: Dirtsc, CC BY SA 3.0)

Kolloquium der Wüstenrot Stiftung

„Was man nicht nützt, ist eine schwere Last.“ Goethe, natürlich, womit sonst könnte man eine deutsche Preisverleihung würdiger eröffnen. Die Kunsthistorikerin Kerstin Wittmann-Englert tat dies aus gutem Grund, denn aus ihrer Sicht haben wir – so der bekanntere Anfang des Faustzitats – etwas von unseren Vätern ererbt, das wir erst erwerben müssen, um es wirklich zu besitzen. Es geht um Kirchenbauten, die offensichtlich historischen ebenso wie die nachkriegsmodernen. Ausgelobt hatte die Wüstenrot Stiftung einen Wettbewerb für die besten Projekte, wie man eben jene Kirchen in die Zukunft führen und erhalten könne. Und Letztere sieht bundesweit nicht rosig aus

Die Gründe der Misere sind bekannt: weniger Mitglieder, weniger Geld, gleichbleibend viele Kirchenbauten. Doch sieht die Wüstenrot Stiftung hier eher „Herausforderung und Chance“, ließe sich dieser Schatz doch für Kirche und Kommune gleichermaßen heben. Die Resonanz auf den Wettbewerb gibt den Initiatoren Recht, gingen doch stolze 291 Bewerbungen aus dem gesamten Bundesgebiet ein, davon wurden insgesamt neun prämiert, darunter mehrheitlich Nachkriegskirchen. Die Preise überreichte die Wüstenrot Stiftung am 27. April 2016 im Stuttgarter Hospitalhof, selbst ein Vorzeigebau für Kirche in der Stadt. Den Auftakt bildete am Nachmittag ein Kolloquium, das mit Vor- und Impulsbeiträgen sowie einem anschließenden Podium das Thema grundsätzlich einkreiste.

Unter den Rednern fanden sich Prof. Dr. Kerstin Wittmann-Englert (TU Berlin), Reinhard Miermeister (Landeskirchenbaudirektor, Evangelische Kirche von Westfalen), Stephan Tschepella (Diözesanbaudirektor i. K., Bistum Speyer), Stadtdekan Søren Schwesig (Evangelische Kirche Stuttgart), Prof. Dr. Kerstin Gothe (KIT Karlsruhe), Dr. Karin Berkemann (moderneREGIONAL, Frankfurt). Die Wüstenrot Stiftung und ihre Fachjury jedenfalls prämierten bewusst solche Projekte, die Kirchen als öffentliche Räume stärken und ihre vorhandenen architektonischen Qualitäten noch unterstreichen. Daher wurde auch nicht „nur“ die jeweilige Gemeinde ausgezeichnet, sondern immer auch der Architekt mit dazu bedacht und auf die Bühne gebeten. Am Rande der Veranstaltung gab es auch eine Wanderausstellung, die rund 20 vorbildhafte Einsendungen aus dem Wettbewerb bundesweit herumzeigen will.

 

Bild: Kehl-Goldschauer, Maria Hilfe der Christen (Foto: Stefan Strumbel, CC BY SA 3.0, OTRS 2011062010011098)

Uni-Exkursion: Kirchen nutzen

Über diese Umgestaltung wurde viel diskutiert: Als man 1989 den Greifswalder Dom nach langen Renovierungsarbeiten wieder einweihte, kamen nicht nur die Vertreter aus Kirche und Kommune, nicht nur der Architekt Friedhelm Grundmann und der Bildhauer Hans Kock, sondern auch der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker. Damit rückte eine baukünstlerische Frage ins Licht der Kirchen- und Zeitgeschichte – oder war es umgekehrt? Grund genug, gut 25 Jahre später einen Blick auf die näheren Umstände der Greifswalder Domrenovierung zu werfen. An der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald widmete sich dem Thema „Der Greifswalder Dom und die Wende“ nun eine Blockübung, die Studierende der Theologie und der Kunstgeschichte zusammenführt.

Unter Leitung von Prof. Dr. Thomas Kuhn vom Lehrstuhl für Kirchengeschichte und Dr. Karin Berkemann, Kustodin der Gustaf-Dalman-Sammlung, erarbeiteten sich die Teilnehmenden nicht allein anhand von Quellenmaterial die zeitgeschichtlichen Hintergründe. Auf einer Exkursion nach Lübeck konnten die Studierenden zudem Vergleichsbeispiele erkunden und mit ihren heutigen Nutzern ins Gespräch kommen: der gemeindlich genutzte Nachkriegsneubau der Kreuzkirche (1971, F. Grundmann) im Stadtteil St. Jürgen, der wiederaufgebaute und quergerichtete Dom (Renovierung: F. Grundmann, 1977) und die als offener Kunst- und Kulturraum wiederhergestellte St. Petri-Kirche (Umgestaltung: Kirchliches Bauamt, 1987).

 

Bild: Lübeck, St. Petri, Exkursion der Universität Greifswald, 2015 (Foto: K. Berrkemann)

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