Die große graue Welt

Nicht weniger als eine Weltschau wird versprochen, als am 8./9. November in Frankfurt die Ausstellung „SOS Brutalisms“ eröffnete: Erstmals soll ein globusumspannender Überblick über die brutalistische Architektur der 1950er bis 1970er Jahre möglich werden. Wüstenrot Stiftung und Deutsches Architekturmuseum haben sich schon vor Monaten zusammengetan, um die graue Bauwelt zu retten. So gab es den Hashtag (#SOSBrutalism) schon vor der Ausstellung, und es wird ihn wohl als eigenständige Aktion auch danach noch geben. Da war auf einmal – zur Freude (und vielleicht auch Überraschung) der Organisatoren – ein Forum für all die Betonliebhaber und Erhaltungskämpfer entstanden.

Denn bedroht sind sie, die Bauten des Brutalismus, weltweit. Die Webseite www.SOSBrutalism.org hat inzwischen über 1.000 Objekte dieses Stils gesammelt. Darüber, wie der genau zu definieren sei, lässt sich trefflich streiten. Das roh belassene Material Beton hat ihn berühmt gemacht. Doch für die Organisatoren der Ausstellung steht dahinter mehr, eine Geisteshaltung: eine Architektur, die ihre „Gemachtheit“ (mit dem ein oder anderen Augenzwinkern) offenlegt. Bei der Gliederung des großen weltweilten Bestands hat man sich auf der SOS-Homepage an Artenschutzprojekten orientiert: Die „rote Liste“ umfasst aktuell 108 unmittelbar bedrohte Bauten. Darunter finden sich schon erste bestandene Kämpfe wie der um das österreichische Kulturzentrum Mattersburg, aber auch noch in der Schwebe befindliche Objekte wie die Sirius-Wohnanlage in Sydney.

So global der Anspruch, so regional die Schwerpunkte der Ausstellung. Man hat sich umgeschaut in Israel, Japan, Südamerika, Großbritannien, den USA und im Westen Deutschlands, aber auch afrikanische und sowjetische Beispiele sind dabei. Am Ausstellungsort selbst ist man auf dem Friedhof Westhausen fündig geworden, wo die Trauerhalle von Günter Bock (mit dem Bildhauer Otto Herbert Hajek) noch fast unberührt dasteht. Und im nahen Marburg überrascht ein Betondampfer der farbenfrohen Sorte, das ehemalige Hauptpostamt von Johannes Möhrle mit einer fast pop-artigen Ausstattung – im Katalog zur Ausstellung vorgestellt durch einen Beitrag der Theologin/Kunsthistorikerin Karin Berkemann.

So bleibt, neben allem Erschrecken über die wachsende Bedrohung dieser Stilepoche, genug Raum zum Schwelgen. Da sind die betonplastischen Kathedralen eines Fritz Wotruba oder eines Gottfried Böhm – eine Freude für Baugestalter, Liturgiker und Materialfetischisten gleichermaßen. In der Ausstellung werden, neben der zweisprachig präsentierten Information, z. B. auch Betonmodelle einen sinnlichen Eindruck der Schönheit des Brutalismus vermitteln. Im Vor-/Begleitprogramm war moderneREGIONAL vertreten durch einen Vortrag von Karin Berkemann und vom Journalisten Daniel Bartetzko. Nicht zuletzt versteht sich der Begleitkatalog als tiefe Verneigung vor dem ersten weltumspannenden Darstellungsversuch, erschienen 1966 im Karl Krämer Verlag: „Brutalismus in der Architektur – Ethik oder Ästhetik?“ Gute Frage!

Titelmotiv: Bat Yam, Rathaus (Foto: Alfred Neumann/Zvi Hecker/Eldar Sharon, 1961-63)

Auf der VDL-Jahrestagung

Denkmalpflege ist Pop, so versprach es zumindest das charmante Plakatmotiv zur diesjährigen Jahrestagung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VDL): ein bärtiger Berlin-Mitte-Hippster, der frappierend an den Beatles-Zerstörer erinnerte (bitte keine Leserzuschriften, dies ist nur eine von vielen möglichen Meinungen zu den Auflösungsgründen). Das John-Lennon-Lookalike schaute durch eine rosagetönte Nickelbrille auf die Welt und den – erstaunlich modernedurchzogenen – Veranstaltungsort Oldenburg. Sein neugieriger, aber zugleich fachlich gefärbter Blick stand für das Veranstaltungsmotto: „Denkmalpflege als kulturelle Praxis“.

Vom 18. bis 21. Juni 2017 hatte sich die VDL zusammengetan mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) und der Stadt Oldenburg. Die Veranstalter einigten sich vorab auf die These: „Die Denkmalpflege, die unter den von Menschen geschaffenen materiellen Geschichtszeugnissen die Denkmale erkennt und bewahrt, ist unzweifelhaft Teil der Kultur.“ Die im Programm als maßstabslos bezeichnete Modernisierung der 1970er Jahre habe den Siegeszug des Denkmalschutzes befördert. Heute müssten sich Denkmalpfleger einem neuen Modernisierungsschub stellen: den Folgen von Wiedervereinigung, demographischem Wandel und digitaler Revolution. Folgerichtig suchten die Vorträge und Exkursionen, Sektionen und Podien nach Antworten für die regionale und länderübergreifende Denkmalpflege. Am Montag führten Prof. Aleida Assmann (Konstanz) und Prof. Winfried Nerdinger (NS-Dokumentationszentrum München) ins Thema ein, diskutierten die Fachleute anschließend unter der Moderation von Prof. Arnold Bartetzky (Leipzig).

Die fünf im Schwerpunkt von den NLD-Mitarbeitern vorbereiteten Sektionen behandelten am Dienstag zunächst Teilaspekte des Tagungsthemas: Inventarisieren (Was machen wir mit der „Stadtreparatur“ der 1970er und 1980er Jahre?), Forschen an Denkmalen (Was wissen wir, was brauchen wir und wie können wir es teilen?), Praktische Denkmalpflege (Wie erhalten wir die Achitekturmoderne?), Umgang mit Spannungen (Was ist außer Denkmalpflege sonst noch wichtig?) sowie Netzwerke (Wie publizieren wir gut über unsere guten Inhalte? Hier war auch Karin Berkemann für moderneREGIONAL eingeladen, das Online-Magazin vorzustellen!). Am Nachmittag setzte Prof. Jörg Haspel (Landesdenkmalamt Berlin) mit seinem Impulsreferat das Thema der folgenden, von Prof. Sigrid Brandt (Salzburg) moderierten Podiumsdiskussion: Muss sich Europa auf einen Denkmalbegriff einigen, um nicht von Wirtschaft und Politik an den Rand gedrängt zu werden?

Am Ende von so viel Austausch standen keine fertigen Antworten. Die hatte wohl auch keiner erwartet. Aber es war unübersehbar, dass gerade mit Macht eine neue Generation von Denkmalen und sie Pflegenden nach vorne drängt. Es wäre zu wünschen, dass dieser Wechsel ebenso stil- und respektvoll von statten geht, wie Prof. Stefan Winghart zum Abschluss der Veranstaltung die NLD-Präsidentschaft ruhestandsbedingt an Dr.-Ing. Christina Krafczyk übergab. Das Ende der diesjährigen VDL-Tagung war also ein versöhnliches, ist doch das Oldenburger Land berüchtigt für fetthaltige Gerichte als Grundlage für alkoholhaltige Getränke. Beides dürfte beim heutigen „gemütlichen Ausklang“, der gemeinsamen Grillkulturpflege nach den Tagesexkursionen, sicher nicht zu kurz gekommen sein. Gastfreundschaft können die in Oldenburg.

Titelmotiv: Plakat der VDL-Jahrestagung 2017, Grafik-Design und Foto: Elke Behrens NLD

mR im „Süddeutsche Magazin“

Der Brutalismus hat es geschafft, zumindest letzten Freitag bis ins „Süddeutsche Magazin“: Der Hamburger Journalist Till Raether gesteht auf sechs Seiten seine wachsende Liebe zum selbstbewussten Baustil. Denn eigentlich sollte der kantige Kunststein doch die „Städte für alle“ ermöglichen: „Freie Betonareale träumten vom gesellschaftlichen Austausch, schwebende Betonfußwege von kurzen Wegen und frei fließendem Verkehr, gestaffelte Betonbalkone von Ausblicken für alle, Betonfassaden vor Gesamtschulen vom sozialen Aufstieg.“

Kongenial ergänzt wird der Text durch die „Brutalist Berlin“-Fotos von Denis Barthel. Eingeflochten sind Zitate von Oliver Elser von SOSBrutalism à la Pinterest seziert. Der britische Journalist Jonathan Meades bedauert die Skandinavier, die „ein tragischer Mangel an Unsensibilität und ein Exzess an Vernunft“ von brutalistischen Äußerungen abhielten. Und für moderneREGIONAL wird Karin Berkemann zur Frage zitiert, warum der graue Kunststein bei 40plus und 20plus gleichermaßen geliebt wird. Wer neugierig geworden ist, kann das Heft bei der freundlichen Süddeutsche-Zeitung-Redaktion nachbestellen oder nun auch online einsehen.